Medaillengewinner beenden Segel-Karriere
25.11.2008

Sie waren die einzigen deutschen Medaillengewinner bei den Olympischen Segelwettbewerben 2008 und die ersten seit acht Jahren. Mit „Bronze“ in der 49er-Klasse krönten Jan und Hannes Peckolt im chinesischen Qingdao ihre Segelkarriere. Nun hängen die Brüder Pinne und Vorschot an den Nagel und wollen sich nach dem Hochleistungssport einem „ganz normalen Leben“ widmen.

„Wir haben acht Jahre auf die Teilnahme an den Spielen hingearbeitet. Einmal dabei zu sein, war unser großer Traum, am Ende sogar auf dem Treppchen zu stehen, schlicht überwältigend“, so Jan und Hannes Peckolt, „davon haben wir keinen Schritt bereut und werden einmalige Erinnerungen behalten. Aber damit ist unsere Olympiakampagne auch abgeschlossen.“ Die Zukunft gehöre neuen Herausforderungen, der Familie und den Freunden sowie anderen Hobbies und nicht zuletzt der Vorbereitung auf das Berufsleben. Jan Peckolt wird sein Wirtschaftsingenieursstudium in Hamburg fortsetzen, Hannes das der Medizin in Kiel.

 

Ihr Entschluss war unabhängig vom Abschneiden in China. Auch ohne Edelmetall oder mit „Gold“ sollte es die Zäsur geben, das hatten die Peckolts seit langem so geplant. „Auf Dauer streben wir Berufe auf Grundlage unserer Studiengänge an“, erklärt der 27-jährige Steuermann, „das intensive 49er-Segeln haben wir immer als ein Projekt betrachtet.“ Dabei war das Ziel der Brüder, sich in allen Bereichen ihres Sports weiter zu entwickeln. Zeitweise arbeiteten sie in einem Kreis von mehr als einem Dutzend Trainern, Spezialisten und Helfern. Das Peckolt 49er Sailing Team wurde zum professionellen, zielstrebigen „Unternehmen“ unter Führung der Crew. Jan Peckolt: „Das war wie eine eigene Geschäftswelt, in der wir viel gelernt und uns auch persönlich weiterentwickelt haben.“

 

Und dabei stimmten unterm Strich sowohl die Ergebnisse, als auch unvergessliche Erlebnisse. Acht Jahre gehörte das Bruderpaar zur „Nationalmannschaft“ des Deutschen Segler-Verbands (DSV). Fast ein Jahr lang war das Duo Weltranglistenerster, hat EM-„Silber“ und -„Bronze“ erreicht sowie zahlreiche internationale Wettkämpfe gewonnen. Die Regatten führten die Peckolts quer durch Europa sowie nach Amerika, Asien und Australien, wo sie an vielen Orten interessante Freundschaften schlossen.

 

„Der Segelsport hat uns geprägt und viel positive Erfahrung mitgegeben“, bilanziert der 25-jährige Vorschoter eine Zeit, die allerdings auch voller Entbehrungen gewesen sei und nicht frei von Rückschlägen. Trainingsfleiß und Akribie, Gewissenhaftigkeit und hoher Ehrgeiz kennzeichneten die Mannschaft, die in einem Urlaub mit den Eltern zum ersten Mal an Bord ging, dann über die Jugendklasse 420er in den 49er umstieg. Die Jugendförderung der SG Waldsee und die langjährige Unterstützung des Yacht-Club Langenargen bildeten die Basis.

 

Der entscheidende Meilenstein in der eigenen Erwartungshaltung war bereits Anfang des Jahres erreicht, als die Herausforderer im T-Systems Team 2008 den internen Zweikampf um die Olympiafahrkarten gegen den zweimaligen Olympiateilnehmer Marcus Baur und seinen Vorschoter Hannes Baumann klar für sich entschieden. „Das war eine enorme Erleichterung, den Qualifikationsdruck vom Tisch zu haben“, erinnert sich Jan Peckolt – Um sich noch intensiver auf den Einsatz in der deutschen Olympiamannschaft vorzubereiten, ohne dabei jemals zu den Medaillenkandidaten gezählt werden zu wollen. Vornehme Zurückhaltung wirkte nach außen manchmal wie Tiefstapelei und war doch Kalkül. Vollgas gaben die Brüder auch ohne zusätzlichen öffentlichen Erwartungsdruck.

 

Nach der Weltmeisterschaft im Januar begannen die durchtrainierten Segler neben den umfangreichen Materialtests, speziellem Strömungstraining und weiteren Wettkämpfen auch noch abzunehmen. „In Hinblick auf das erwartete Leichtwindrevier haben wir zusammen weit mehr als 10 kg Körpergewicht verloren“, berichtet Hannes Peckolt, der für den Ernährungsplan zuständig war. Wesentlich härter hätten ihnen aber verschiedene Verletzungen zugesetzt, von einer lädierten Schulter bis hin zu einem Brustbein- und Fingerbruch. Hannes Peckolt: „Das 49er-Segeln auf höchstem Niveau ist körperlich besonders anspruchsvoll und geht selten ohne Blessuren ab, auch wenn wir uns in der Vergangenheit kaum etwas haben anmerken lassen.“

 

In die Geschichtsbücher des Segelsports geht das finale Medaillenrennen der 49er in Qingdao ein. Bei extremen Bedingungen kenterten alle zehn Teilnehmer teils mehrfach, auch die Peckolts einmal kurz vor dem Start und einmal während der Wettfahrt. In einem dramatischen Rennen bewiesen die beiden Nervenstärke und kämpften sich dank starker Bootsbeherrschung auf dem zweiten Platz ins Ziel. Die erste riesengroße Freude über den Medaillengewinn wich schnell einer Ungewissheit, da andere Segler das Rennen wegen zu rauer Bedingungen anfechten wollten. Stunden später erklärte die Jury das Medalrace endgültig für regulär. Damit war „Bronze“ sicher.

 

Es folgte noch eine ganze Nacht und ein halber Tag mit scheinbar endlosen Protestverhandlungen. Grund: Die Dänen Warrer/Kirketerp waren nach einem Mastbruch mit dem geliehenen Boot der ausgeschiedenen Kroaten angetreten und hatten sich auf dem Wasser die Goldmedaille erkämpft. Das blieb trotz unstrittiger Regelverstöße, die nach Ansicht der Jury aber nicht „spielentscheidend“ waren, auch vor der Ad-Hoc-Kommission des Internationalen Sportgerichtshofs CAS so. „Das war eine schwierige Entscheidung, die im Sinne des Sports getroffen wurde“, kommentierten die Peckolts damals wie heute, die sich an den Protesten der Spanier und Italiener nicht beteiligt hatten, obwohl sie im Erfolgsfall „Silber“ gewonnen hätten. Auch das war typisch für die aufrichtige, saubere Haltung von Jan und Hannes Peckolt.

 

„Wir werden dem Segeln treu bleiben, wenn auch nicht im Leistungssport“, versprechen beide Peckolts, „er hat uns viel gegeben und so viel Spaß gemacht.“ Eine Olympiakampagne indes erfordere einen Vollzeiteinsatz, wenn sie aussichtsreich sein solle. Auch das haben die Brüder eindrucksvoll bewiesen. Ihre Erfahrung wollen sie gerne nachrückenden Mannschaften weitergeben. Ein Comeback ist nicht geplant, die Motivation gilt ab sofort neuen, anderen Herausforderungen.

 


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